Der letzte Level

Vor einem Jahr kaufte ich mir eine WiiU von Nintendo. Vorangig für mich, da ich seit meiner Kindheit ein begeisterter Videospieler bin. In meinem tiefsten Inneren wusste ich aber, dass mir mein Sohn wahrscheinlich bald den Rang ablaufen würde. Bei einem Freund hatten wir “Nintendo Land” gespielt und mein Sohn und der Sohn meines Freundes waren begeistert vom “Zelda” Spiel in “Nintendo Land”. An Wochenenden, dass war eine Regel bei uns, spielten wir auch nach und nach die Levels in “Zelda” frei. Ich spielte den Bogenschützen, mein Sohn den Schwertkämpfer. Doch schon bald wurden die Levels immer schwerer und ich fühlte, dass wir an eine Grenze kamen, schließlich war mein Sohn zum damaligen Zeitpunkt gerade mal 4 Jahre alt. Es kamen andere Spiele und wir ließen Zelda immer mehr links liegen. Ab und zu startete mein Sohn nochmal, viel weiter kamen wir aber nicht. Dann wurde er 5 und auf einmal hatten wir die Standardlevel geschafft.
Jetzt kamen die Extra-Levels, von denen es jeder in sich hat. Ohne ein bestimmtes Vorgehen kommt man hier nicht weit. Wir fingen an, Taktiken für verschiedene Gegnertypen zu verfeinern und an unserem Teamplay zu feilen, doch obwohl ich ein Spieler der “alten Garde” bin, der mit Spielen aufgewachsen ist, die man nur über auswendig lernen und tausendfaches Probieren schaffen kann, verlor ich so langsam den Glauben und auch die Lust, weiter zu machen.
Nicht aber mein Sohn. Er war es, der mich immer wieder antrieb und sagte, wir sollen es nochmal probieren. An manchen Leveln saßen wir eine gefühlte Ewigkeit doch über die Monate hatten wir es tatsächlich bis zum letzten Level geschafft. Der letzte Level! Allein schon bis zum Endgegner vorzudringen bedarf es eines genauen Plans.
Dann kam der 31.05.2015. Viermal waren wir gescheitert, zweimal davon beim Endgegner, einmal waren wir so knapp dran. Ich warf mich auf den Boden, als wir scheiterten mit zwei, drei fehlenden Treffern. Ich konnte nicht mehr. Ich wusste, wir schaffen es heute nicht. Wir haben einen Level niemals öfter als vier mal am Stück hintereinander versucht. Doch heute sagte mein Sohn: “Können wir noch ein einziges mal?”. Na gut. Ohne große Probleme kamen wir bis zum Endgegner. Während des Endkampfes merkte ich, dass mein Sohn ein- zweimal besser verteidigte als sonst, der Gegner hatte schon einen roten, dünnen Lebensbalken, unsere Anzeige blinkte auch schon. Der Gegner zeigte mir die Flanke und ich wusste, die nächste Angriffswelle überstehen wir wahrscheinlich nicht. Ich ließ die Pfeile auf ihn regnen und kurz bevor er sich zurück transformierte hatten wir ihn besiegt.
Wir schrien und hüpften vor Freude. Ich machte ein Siegerfoto und mein Sohn sagte: “Das Spiel spiele ich nie im Leben wieder!”. Solche “Glücksmomente” beim Spielen hatte ich schon fast vergessen.
Ich bin furchtbar stolz auf ihn, dass er niemals aufgegeben hat. Ich bin stolz, dass er mich dazu gebracht hat, niemals aufzugeben. Ich bin hundert Prozent davon überzeugt, dass das Computerspielen ihm diese unschätzbare Fähigkeit gegeben hat, verlieren zu können, seine Schlüsse zu ziehen und es nochmal zu probieren.
Eigentlich bin ich in den Jahren zu dem Typ Spieler geworden, der genervt ist, wenn man an einer Stelle nicht nach 3-4 Versuchen weiterkommt. Ich habe auch weiterhin Spaß an einem GTA, Skyrim oder Bioshock, aber es gibt nichts Vergleichbares zu solchen Ereignissen. Ich werde mich immer daran erinnern können, wie ich damals mit meinem Sohn das letzte Zelda-Level geschafft habe und wir gegröhlt haben. Das Ende eines “San Andreas” oder eines “Ghost Recon” aber habe ich längst vergessen.

(Anmerkung für besorgte Eltern und Pädagogen: Mein Sohn ist ein ganz normaler Junge. Er darf nur am Wochenende mit der Konsole spielen, bis auf ein paar Ausnahmen)

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